62
page-template-default,page,page-id-62,page-child,parent-pageid-60,qode-social-login-1.1.3,qode-restaurant-1.1.1,stockholm-core-2.3,select-child-theme-ver-1.1,select-theme-ver-8.9,ajax_fade,page_not_loaded,paspartu_enabled,menu-animation-underline,header_top_hide_on_mobile,,qode_grid_1300,qode_menu_center,qode-mobile-logo-set,wpb-js-composer js-comp-ver-6.6.0,vc_responsive

Dis:konnektivität

Globalisierungsprozesse prägen unsere Lebenswelt in tiefgreifender Weise. Doch die gängigen Vorstellungen über diese Prozesse sind unzureichend und stark vereinfachend. Sowohl im akademischen wie auch im öffentlichen Diskurs wird Globalisierung nach wie vor als zunehmende globale Verdichtung und Verflechtung verstanden: Menschen migrieren. Märkte wachsen zusammen. Informationen verbreiten sich weltweit in rasender Geschwindigkeit. Viele aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen laufen einem solchen eindimensionalen Globalisierungsverständnis allerdings entgegen und unterminieren es. America First, Fortress Europe, der Brexit oder auch die disruptiven Folgen der Corona-Pandemie passen nicht zu einer simplen Verflechtungserzählung. In Feuilleton wie Fachzeitschrift ist dann schnell von der Umkehr der bisherigen Entwicklung die Rede, von einem globalen Trend zu Abschottung und Entflechtung, von Deglobalisierung.

Wir halten ein solch binäres Verständnis von Globalisierung, das nur ein Vor oder Zurück kennt, für irreführend. Es leistet vereinfachten Interpretationen Vorschub und ist letztlich die Ursache für die Ratlosigkeit, mit der Wissenschaft und Politik versuchen, die gesellschaftliche Bedeutung von Globalisierungsprozessen zu verstehen und gegebenenfalls gestaltend einzugreifen. Wir sehen die hauptsächliche Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Verständnisses von Globalisierung im exklusiven Fokus auf Prozesse globaler Verdichtung und Verbindung begründet. Dieser Blick bestätigt und verstärkt eine implizit angenommene Dichotomie zwischen global verflochtenen und nicht verflochtenen Akteuren, Regionen oder Phänomenen, zwischen Verbindungen und ihrer Abwesenheit sowie zwischen Globalisierung und Deglobalisierung. Er forciert ein binäres Verständnis von Globalisierungsprozessen, die entweder stattfinden oder nicht, zu begrüßen oder abzulehnen sind. Letztlich werden Verbindungen und ihrem Fehlen dadurch jeweils getrennte Geltungsbereiche und damit auch separate Erklärungspotenziale zugewiesen.

Die Arbeit des Kollegs baut auf einem komplexeren und gleichzeitig praxisorientierteren Verständnis von Globalisierung auf. Jeder Verflechtungsprozess trägt Elemente der Entflechtung oder des Fehlens von Verbindungen in sich. Wenn Menschen migrieren, stoßen sie an Grenzen, müssen Hindernisse überwinden, sind Ungleichbehandlungen ausgesetzt. Während Märkte für bestimmte Produkte und Dienstleistungen zusammenwachsen, bleiben andere regional organisiert oder hinter Zollschranken abgeschottet. Und während heute Unmengen an Information schnell und fast weltweit zur Verfügung stehen, hängt es unter anderem von Sprachkenntnissen, Bildungsstand, Geschlecht oder sozialer und ethnischer Zugehörigkeit der Akteur*innen ab, inwiefern diese nutzbar sind. Diese Elemente von Entflechtung, (noch) fehlender Verbindung oder Exklusion verstehen wir nicht das Gegenteil von Verflechtung, sondern als zentrale, formgebende Bestandteile davon.

Die Arbeit am Kolleg fokussiert auf die prägende Bedeutung dieses Spannungsfelds, das aus der Gleichzeitigkeit und gegenseitigen Bedingtheit konnektiver und diskonnektiver Elemente entsteht. Der Begriff der Dis:konnektivität ist in diesem Zusammenhang zentral. Er betont genau jenes sich wechselseitig bedingende, spannungsreiche Verhältnis von globaler Verflechtung, Entflechtung oder fehlender Verbindung, die erst in Relation zueinander relevant werden. Der Begriff privilegiert weder konnektive, noch diskonnektive Prozesse, sondern fokussiert auf deren wechselhaftes Zusammenspiel. Er identifiziert dieses als entscheidenden Faktor, um die gesellschaftliche Prägekraft von Globalisierung zu erfassen. Das stellt in der Globalisierungsforschung einen grundlegend neuen Ansatz dar, den es in den kommenden Jahren zu entwickeln, zu etablieren und in konkreten Untersuchungszusammenhängen anzuwenden gilt.