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Unterbrechungen

Kaum eine globale Verbindung ist durchgehend und gleichmäßig beständig. Die meisten Verflechtungsprozesse haben Konjunkturen, entwickeln sich mal schnell, mal langsam oder kommen gar zum Erliegen: Verbindungen funktionieren nur für einen bestimmten Zweck, nicht aber für einen anderen. Oder sie werden überhaupt radikal gekappt. Diese und ähnliche Phänomene versucht der Begriff der Unterbrechung zu fassen. Er verweist auf jene Aspekte von globalen Verflechtungs- und Austauschprozessen, die sich nicht in der zu erwartenden Geschwindigkeit und Intensität entfalten, die unvorhergesehen abbrechen oder sogar reversiert werden. Ihre soziokulturelle Bedeutung schöpfen solche Unterbrechungen gerade daraus, dass es einmal eine entsprechende Verbindung gegeben hat (und vielleicht auch wieder geben wird). Sie wirken ex negativo, aus dem Verlust von Verbindungen heraus. Ihre Prägekraft schöpfen sie aus dem Kontrast zu existierenden globalen Verbindungen.

Dies kann man anhand von Beispielen aus der Kommunikationsgeschichte verdeutlichen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt gemeinhin als eine Hochphase der Globalisierung. Neben vielen anderen Entwicklungen ist die Entstehung eines weltweiten Telegrafennetzwerks ein Ausdruck für den schnell zunehmenden Grad globaler Vernetzung in dieser Zeit. Der Telegraf ist eines der zentralen Symbole für das „Schrumpfen der Welt“. Von Anfang an jedoch war der tägliche Betrieb dieses globalen Kommunikationsnetzwerks von Unterbrechungen gekennzeichnet. Unterseekabel wurden von Schiffsankern oder sogenannten „tropischen Bohrwürmern“ beschädigt, Überlandkabel von Kupferdieben abgebaut. Geschäftsleute beschwerten sich regelmäßig über die ständigen Verbindungsunterbrechungen. Auch im Kriegsfall wurden Telegrafenkabel gekappt. So griffen deutsche Kriegsschiffe kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges britische Relaisstationen auf kleinen Atollen im Indischen Ozean und Pazifik an. Die dort stationierten Telegrafisten befanden sich nach Zerstörung der Kabel in fast kompletter Isolation. Die Verbindungsunterbrechung – ob gewollt oder ungewollt – war daher ein zentraler Bestandteil der telegrafischen Vernetzung der Welt und prägte die Nutzung und Wirkung des Netzwerks entscheidend mit. Sie beförderte kreative Verbindungsstrategien, führte aber auch zu Missverständnissen, Isolation und Frustration.