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Umwege

Umwege sind unerwünschte, oft nicht beabsichtigte Wegführungen, die einen längeren und zumeist umständlichen Weg zum Ziel bedeuten. Umwege gehen einher mit Stagnation, Verzögerung, Warten. Das lässt sich unter anderem in der Emigrationsgeschichte veranschaulichen, die zeigt, dass Umwege und die durch sie ausgelöste verzögerte Mobilität allen Emigrationsbewegungen in Geschichte und Gegenwart inhärent sind. Emigration bedeutet Unwägbarkeit und eine Bewegung in Zick-Zack-Form. Solche mäandernde Fluchtwege finden sich auch in aktuellen Migrationsbewegungen, die in den meisten Fällen Routen mit umständlichen Wegführungen oder mit Momenten der Störung des Vorankommens sind. Erst über Umwege und nach langen Wartezeiten kommen Geflüchtete an – wobei sie oft nicht ihr eigentliches Zielland erreichen. Auf diesen Umwegen verändert sich der Erfahrungshorizont der Akteur*innen, genauso wie ihr Aufenthalt Spuren auf den Zwischenwegen hinterlässt.

Eine unvorhergesehene Route kann in Auseinandersetzung mit dem Unbekannten sowohl neue Erkenntnisse hervorbringen als auch Entwicklung verhindern oder sie verzögern. Diese zufälligen Abweichungen können historische Prozesse verändern und gleichzeitig auf einer Mikroebene Auswirkungen auf die Akteur*innen (und nachfolgende Generationen) haben. Dabei gibt es jedoch einen wesentlichen Unterschied zwischen den großen Migrationsströmen und ihren Kartierungen sowie der Nachzeichnung individueller Migrations- bzw. Fluchtwege: die größeren Bewegungen werden meist durch Pfeile visuell beschrieben (siehe etwa „Atlas der Migration“), die vor allem Start- und Endpunkt und die Wege dazwischen markieren. Eine zeitliche Ebene – Dauer der Bewegung – ist nicht enthalten. Auch die Differenzen zwischen beabsichtigtem Zielort und dem tatsächlichen Ende ihrer Migration/Flucht werden nicht abgebildet. Individuelle Routen, die als Oral History und/oder künstlerische Übersetzung sichtbar werden können, lassen Zeitlichkeit und räumliche Bewegung hervortreten. Dadurch können Umwege, notwendige Änderungen der Route, Wartezeiten und vertagte Weiterreisen in Erscheinung treten. Gerade die gemeinsame Perspektive auf große Migrationsbewegungen und individuelle Migrationsrouten, die sich ‚übereinandergelegt‘ produktiv miteinander verbinden lassen, kann die Un/sichtbarkeit von Umwegen kenntlich machen.