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Abwesenheiten

Globalisierungsprozesse sind ebenso durch Abwesenheit wie durch Präsenz, durch Unsichtbarkeit wie durch Sichtbarkeit gekennzeichnet. Je eng verknüpfter und vielfältiger die Verbindungen sind, die eine technologisch und ökonomisch getriebene Globalisierung herstellt, umso größer werden die Lücken und Marginalisierungen, die sich auftun. Der Begriff der Abwesenheit lässt sich typologisch in drei Grundformen unterteilen: active absence, Verlust, und unsichtbare Präsenz. Der Begriff der Abwesenheit bezeichnet nicht das bloße Nicht-Vorhandensein von Verbindungen, sondern ihr auffälliges Fehlen, ihre active absence. Aktive Abwesenheit kann im Kontext von Globalisierungsprozessen verschiedene Formen annehmen. Zum einen können globale Verbindungen und die Möglichkeiten des Austauschs an Stellen fehlen, an denen man sie vermutet hätte, und so gerade durch ihr Fehlen unübersehbar werden.

 

So können bestimmte Menschen, Regionen oder Ideen als Teilhabende an Globalisierungsprozessen aktiv abwesend sein. Zwar erleichtern die vier Freiheiten der EU die Bewegung von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen, sie hinterlassen aber auch Lücken in heimischen Arbeitsmärkten, in der medizinischen Versorgung und in familiären Strukturen (Stichwort brain drain). Abwesenheiten manifestieren sich auch als genuine Verluste. Während die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen durch ihre mitunter als „bedrohlich“ empfundene physische Präsenz in westlichen Ländern politisch destabilisierend wirken, gehen damit zugleich Absenzen einher, die in ihrem Ausmaß kaum zu fassen sind: Menschen lassen auf der Flucht ihr Leben, verdursten in der Wüste, ertrinken im Meer, und werden von ihren Angehörigen und in ihren Herkunftsgemeinschaften vermisst. Dieser Verlust lässt sich auch statistisch kaum erheben und fehlt damit in jeder „Bilanz“ von Globalisierungsprozessen. Unsichtbar präsent sind in Geschichte und Gegenwart von Globalisierungsdiskursen schließlich jene, die von europäischen Intellektuellen lange als „people without history“ bezeichnet wurden. In einem Schlüsselwerk der Négritude, dem Gedicht L’absente (1950), beschwört Leopold Senghor die schwarze Abwesende in mehreren Bedeutungsschichten herauf. Sie ist eine Chiffre für eine global verbundene schwarze Kultur, die sich zu dieser Zeit durch eine Kritik an der eigenen „Unsichtbarkeit“ künstlerischen und politischen Raum erobert. Die globale Bewegung der Négritude (aber auch ihre Kritik) geht von Topoi der Abwesenheit und Unsichtbarkeit aus, um an ihrer Stelle eine affirmative Sichtbarkeit zu proklamieren.